27.03.2017

Erfolgreiche Jugendhilfe ist personalintensiv

Bild: Fraktion Jugendhilfe 2017
SPD-Kreistagsfraktion im Gespräch mit Jugendamtsleiter Mathias Kunz
„Steigen die Kosten für die Jugendhilfe wirklich ständig an – und wenn ja, was sind die Ursachen dafür?“ Dieser Frage ging die SPD-Kreistagsfraktion in einem Fachgespräch mit dem Leiter des Amtes für Kinder, Jugend und Familien, Mathias Kunz, näher nach.

SPD-Fraktionssprecher Hans Metzenleitner bat um einen Überblick über die Haupttätigkeitsfelder dieses enorm wichtigen Fachbereichs sowie um die Darstellung einer Entwicklungslinie der vergangenen 10 Jahre unter Berücksichtigung deutlicher Veränderungen. Bereits eingangs machte er klar, dass für die SPD nicht der geringste Zweifel an der hohen Bedeutung der Jugend- und Familienhilfe bestehe. Die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisteten hier tagtäglich wertvolle sozialpädagogische Arbeit, um gesellschaftliche Defizite abzuarbeiten und Kindern, Jugendlichen und Familien wieder die gerechte Teilhabe am Leben zu ermöglichen. „Dies gleicht häufig einer sozialpädagogischen Herkulesaufgabe und ist immer personalintensiv“, weiß Metzenleitner auch aus seiner täglichen Arbeit als Schulleiter.

Mit 62 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern handelt es sich um den größten Fachbereich innerhalb des Landratsamtes, erklärte Mathias Kunz den Kreisräten. Besonders die letzten beiden Jahre seien zusätzlich durch den enormen Mehraufwand der Flüchtlingskrise, insbesondere durch die Inobhutnahme der unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge geprägt gewesen. Durch die Grenzlage unseres Landkreises sei es innerhalb eines Jahres bis zu 1500 meist vorübergehender Inobhutnahmen jugendlicher Flüchtlinge gekommen. Dies führte auch zu einem zeitlich befristeten Personalmehraufwand. Diese Mehrkosten führten zwar zu einer deutlichen Steigerung des Jugendhilfeetats, wurden aber weitgehend ersetzt. Die Personalkosten trägt überwiegend der Landkreis. Derzeit werden im Landkreis noch 29 unbegleitete minderjährige Ausländer betreut.

Neben der Flüchtlingsproblematik gebe es aber auch weitere Trends, die zu mehr Behördenkontakten und somit zu einem erhöhten Arbeitsaufwand beitrugen. So sei die Zahl der Eingliederungshilfen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung angestiegen, ebenso die Zahl hilfebedürftiger Familien mit Kindern. Zudem bestehe seit einigen Jahren ein Rechtsanspruch auf Inklusion. Eltern können beispielsweise Kinder mit Handycaps in einer Regelschule beschulen lassen und haben daher einen z.T. hohen Anspruch auf eine dauerhafte Schulbegleitung. Aufgrund dieser gesetzlich vorgeschriebenen Mehraufgaben entstand ein erhöhter Personalbedarf und es mussten in den vergangenen fünf Jahren etwa 10 Fachkräfte neu eingestellt werden. Dagegen stieg der Zuschussbedarf im Leistungsbereich trotz eines immer umfänglicheren Aufgabenfeldes nur leicht an. Dies liege nicht zuletzt daran, dass die Zahl der jugendlichen Heimeinweisungen sogar rückläufig sei, weil noch mehr Wert auf präventive und ambulante Hilfe gelegt werde, beispielsweise bei der sozialpädagogischen Familienhilfe, bei den Erziehungsbeistandschaften oder auch in der engen Zusammenarbeit mit den Schulen. Helmut Fürle wies in diesem Zusammenhang auf die hilfreiche präventive Arbeit der kommunalen Schulsozialarbeiterinnen an vielen Schulen des Landkreises hin. Viele Hilfe suchende Schüler nehmen dieses Beratungsangebot, das der Landkreis als freiwillige Aufgabe anbietet, mittlerweile an. „Eigentlich handelt es sich hier klar um eine staatliche Aufgabe, die vom Freistaat Bayern finanziert werden müsste“, forderte der Landratstellvertreter.
Auf Nachfrage des stellvertretenden Fraktionssprechers, Roman Niederberger, zu der angeblich beständig steigenden Jugendkriminalität konnte der Jugendamtleiter klar Entwarnung signalisieren. Die Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe seien ausgelastet, doch die örtliche Jugendkriminalität steige keinesfalls in einem außergewöhnlichen Maße .
„Jugendhilfe ist eine immens wichtige gesellschaftspolitische Reparaturarbeit für benachteiligte Jugendliche“, stellte Hans Metzenleitner für die SPD-Fraktion klar. Kostensteigerungen beruhten zu einen auf tariflichen Lohnerhöhungen und vor allen Dingen auf bundespolitischen Entscheidungen, die den Landkreisen oftmals zusätzliche Kosten aufbürdeten, ohne sie an anderer Stelle zu entlasten. Von einer Kostenexplosion könne jedoch nicht die Rede sein.
Die SPD begrüßt die Einführung einer Stütz- und Förderklasse, möglichst noch in diesem Jahr, um Kinder mit einem hohen Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich wohnortnah – und somit auch kostensparend – zu beschulen. Denn trotz mancher Bemühungen für mehr inklusive Erziehung wird es auch weiterhin bewährter Facheinrichtungen bedürfen, um spezielle Verhaltensauffälligkeiten oder Behinderungen unter fachlich optimalen Rahmenbedingungen therapieren zu können. Zudem kritisierte die Fraktion nicht nur fehlende Handlungsleitfäden bei Gesetzesänderungen, sondern auch schlichtweg die fehlende personelle Ausstattung vor Ort, um Inklusion auch an Regelschulen so umzusetzen, dass niemand benachteiligt wird. Für die Arbeit im Jugendamt wünschen sich die SPD-Politiker eine den hohen fachlichen Anforderungen gemäße zukunftsorientierte Personalplanung und eine verlässliche Fachkräftegewinnung. Susanne Aigner, die als stellvertretende Vorsitzende der SPD Berchtesgadener Land an dem Treffen teilnahm, bekräftigte die Forderung nach einer belastbaren Datenbasis für die verschiedenen sozialpolitischen Bereiche im Landkreis durch die Erstellung einer Sozialraumanalyse. Für eine wünschenswerte Verzahnung der vielfältigen Projekte von Jugendhilfe, Sozialhilfe, Kitabereich, Bildungsregion, seniorenpolitischen Gesamtkonzept und vielen mehr müssten unter Berücksichtigung des demografischen Wandels und geänderter Familienstrukturen alle relevanten Daten erfasst werden.

Foto: Die SPD-Fraktion im Gespräch über die Jugendhilfe im Berchtesgadener Land (von links nach rechts):
Hans Metzenleitner, Bart Mittner, Michael Hangl, Georg Quentin, Roman Niederberger, Helmut Fürle, Margitta Popp, Susanne Aigner


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