20.10.2018

Wer schafft eigentlich an, bei der Verkehrslenkung

Bild: Verkehrsschild Thumsee
Hier entscheidet es sich: Nach Lofer sagt das Verkehrsschild gerade aus. Das Navi sagt aber, biegen Sie rechts ab. Und immer mehr folgen heute dem Navi. Das ist Irrsinn für die Karlsteiner
Musterbeispiel Thumseeverkehr
Die Gelegenheit war günstig. Ein Mitglied des Bundesverkehrsausschusses machte am Thumsee ein paar Tage Urlaub. „Von der Ostsee an den Thumsee“ nannte der Kieler SPD-Abgeordnete Matthias Stein seine Reise und die örtliche SPD hat ihn zum Seewirt eingeladen, um ihm den Thumseeverkehr als ein Musterbeispiel einer Navi-Fehlleistung vor Augen zu führen. Und um ihm einen Vorschlag mitzugeben, wie der Gesetzgeber hier eingreifen kann. Örtliche Verkehrsprobleme werden zumeist, so Ulrich Scheuerl bei seiner Erläuterung der Problematik, nur mit viel Geld aus Berlin gelöst. Er habe aber eine sehr kostengünstige Möglichkeit zu bieten: „Der Staat muss das Primat der Politik in der Verkehrslenkung wieder zurückgewinnen“. Wer schafft an, wo gefahren wird, der Staat oder die Wirtschaft, fragte der Karlsteiner SPDler den Genossen aus Kiel.

Es geht um das sogenannte kleine Deutsche Eck, so Scheuerl bei der Veranstaltung, also um die B 21. Sie verbinde Österreich mit Österreich durch das Berchtesgadener Land hindurch. Es ist die kürzeste Strecke zwischen Salzburg und Innsbruck. Die amtlich vorgesehene Strasse für den Transitverkehr ist die B 21. Zwanzig Kilometer lang, flach und ab Reichenhall relativ anwohnerfrei. In Höhe Reichenhall Süd aber gibt es eine Abzweigung nach Karlstein und Inzell. Die Beschilderung sagt: Nach Innsbruck, gerade aus (B 21), nach Karlstein rechts abzweigen (St 2101). Das Navi sagt kurz vor der Kretabrücke, auch wenn das Ziel Innsbruck ist, „nehmen Sie die Ausfahrt rechts“.

Auto- und LKW-Fahrer werden also von der Bundesstrasse auf die untergeordnete Staatsstrasse gelenkt, „und dann geht es los“, so Scheuerl zu dem ortsunkundigen Kieler Abgeordneten. Schon nach hundert Metern kommt eine unfallträchtige Einfahrt in die Staatsstrasse, dann über eine Fußgängerampel vorbei am Wohngebiet Kirchberg. Ein Kilometer später wieder eine Ampel, die auch als Schulweg genutzt wird. Durch den Ort Karlstein kommt man hinauf zum Naherholungsgebiet Thumsee, ein bei Touristen und Einheimischen beliebtes Landschaftsschutzgebiet, Badeziel und Wandergebiet. Und zuletzt geht es über den unfallträchtigen Antoniberg zurück zur B 21, wenige Kilometer vor der Grenze.

Alle sind sich einig: das ist Unsinn

Genau diese Strecke werde entgegen der Empfehlung des Straßenbauamtes vom Navi angezeigt. Warum? Sie ist 1,8 Kilometer kürzer und rechnerisch (!) um eine Minute schneller. Das Ergebnis sind stark steigende Verkehrszahlen über den Thumsee und leicht zurückgehender Verkehr am Saalachsee. Alle sind sich mit den amtlichen Stellen einig: Das ist Unsinn! Doch gegen die Navis kann man angeblich nichts machen.

Das sollte sich ändern, so Scheuerl und erläuterte seinen Vorschlag. Bisher war Verkehrslenkung staatlich geregelt. Die Strassenbauämter haben nach fachlichen Kriterien hunderttausende von Verkehrsschildern inner- und außerorts aufgestellt um die Autofahrer zu orientieren. Das hat sich geändert. Betreiber von Navigationssoftware und Geräten bestimmen zunehmend, wo und wie gefahren wird. Dies erfolgt aber nach völlig anderen Kriterien als bisher. Staatliche Behörden suchten einen Ausgleich zwischen Anwohnerschutz und Autofahrerinteressen. Navis orientieren sich ausschließlich am Autofahrerinteresse.

Unsinnige Naviempfehlungen können von den Betreibern der Navigationssysteme auch jetzt schon bereinigt werden. Die Frage ist, wer das zuletzt entscheiden kann? Und da sollten die staatlichen Behörden in Deutschland per Gesetz das Recht gegenüber den Navibetreibern erhalten, in Absprache mit den betroffenen Kommunen, deren Verkehrslenkung korrigieren zu können. Matthias Stein sagte eine sorgfältige Prüfung zu. Auch weil er bei seinem Aufenthalt das Problem hautnah erlebt hat und der Thumsee in der Republik keinen Einzelfall darstellt. Navibetreiber, so der Abgeordnete einschränkend, seien international agierende Konzerne und Navis bei den Autofahrern sehr beliebt. Doch Anwohnerschutz, Sicherheitskriterien oder der Schutz sensibler Landschaft sollten den Vorrang erhalten und wirtschaftliche Interessen keine Rolle spielen, sagte Matthias Stein zu.





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